Dr. Kielstein GmbH
Abhängigkeitserkrankungen und psychosomatische Störungen 

Kosten-Nutzen-Darstellung der ambulanten Behandlung Alkoholabhängiger

Vorträge anlässlich eines Workshops mit Rentenversicherungen, Krankenkassen und Kassenärztlichen Vereinigungen an der Universität Witten/Herdecke, 26. Februar 1997
IFA Institut für Alkoholerkrankung, 1997, S. 10-24

Wie viel kostet Alkoholismus? – Volkswirtschaftliche Betrachtung – Therapie und Rehabilitation
Volker Kielstein

Einleitung
Alkoholmissbrauch und Alkoholabhängigkeit verursachen hohe Kosten, davon redet jeder. Wenn es aber darum geht, zu diesen Kosten genaue und umfassende Angaben über volkswirtschaftliche Schäden und den Behandlungsaufwand zu machen, begibt man sich auf ein schwieriges Feld, bestehend aus harten Daten (z.B. Pro-Kopf-Verbrauch, Rehabilitationszahlen), Expertenschätzungen, unterschiedlichen Zuschreibungen und Spekulationen.
Den Ausgaben für Alkoholfolgeprobleme stehen erhebliche wirtschaftliche und fiskalische Einnahmen entgegen. Bei der Rentenversicherung wirkt sich im Gegensatz zu den Rehabilitations- und Rentenausgaben die Frühsterblichkeit der Suchtkranken kostenmindernd aus.
Ich will in meinem Vortrag versuchen, gesicherte, alkoholbezogene wirtschaftliche Daten mit Alkoholproblemen und deren Therapie in Beziehung zu setzen und daraus Überlegungen zu einer Verbesserung der Therapie unter Kostendruck abzuleiten.

1. Folgen des hohen Pro-Kopf-Verbrauchs
Es gibt einen direkten Zusammenhang zwischen dem Ausmaß des Alkoholkonsums in einer Gesellschaft und den daraus resultierenden Schäden (Abb. 1). Beispielhaft möchte ich die Epidemiologie der Leberzirrhose in Paris in den Jahren 1931-1956 anführen. Während der Zeit der Alkoholrationierung ging die Zahl der Patienten, die an Leberzirrhosen erkrankten, erheblich zurück. Ähnliches lässt sich für die Zahl der Straßenverkehrsunfälle, das Auftreten von Alkoholfolgeerkrankungen, Versicherungsschäden und vieles mehr feststellen. Der durchschnittliche Alkoholkonsum einer Gesellschaft wird als jährlicher Pro-Kopf-Verbrauch an Reinalkohol angegeben. Der Pro-Kopf-Verbrauch in Deutschland lag 1995 bei 11,2 Liter Reinalkohol. Damit gehörten wir weltweit zu den Ländern mit dem höchsten Alkoholverbrauch (Abb. 2).

 

Der Staat sichert sich aus der Alkoholproduktion jährlich 7,68 Milliarden DM Steuereinnahmen; die Einnahmen der Alkoholindustrie liegen bei 40 Milliarden DM. Die direkten und indirekten volkswirtschaftlichen Folgekosten werden mit 30 bis 80 Milliarden DM/Jahr angegeben (Abb. 3, 4).

Abbildung 3: Steuereinnahmen 1995

Branntwein
Schaumwein
Bier
4,80 Mrd. DM
1,08 Mrd. DM
1,80 Mrd. DM
Zwischensumme
Tabakwaren
7,68 Mrd. DM
20,60 Mrd. DM
Insgesamt
28,28 Mrd. DM

Quelle: Deutsches Ärzteblatt 1994, Heft 7, 14.02.1997

Abbildung 4: Alkoholismus als volkswirtschaftliches Maximalproblem

 

Maximalproblem
2,5 Mill. Alkoholabhängige
40.000 Todesfälle pro Jahr
Manifestationszeit 12 – 13 Jahre
Sinkendes Einstiegsalter mit Frühberentung
Reduzierte Lebenserwartung um 15 Jahre
direkte und indirekte volkswirtschaftliche Folgekosten, 30 – 80 Milliarden DM pro Jahr
(u.a. ArbeitsausfalI, Unfallfolgen, Frühberentung, Behandlungskosten für Folgeerkrankungen, Reha-Maßnahmen)

Quelle: Sozialministerium Baden-Württemberg, Arbeitsmappe Gesundheit im Betrieb, 1994

Den gewerblichen und fiskalischen Einnahmen stehen also vermutlich weit aus höhere Ausgaben durch Folgeschäden entgegen.
Ein hoher Pro-Kopf-Verbrauch bedingt
einen hohen Anteil von Spitzenkonsumenten (20 bis 30 % der Bevölkerung),
ein hohes Ausmaß durch Alkohol begünstigter Krankheiten wie Hypertonie, Herzinfarkt, Leberzirrhose, Verletzungen, Gicht, psychiatrische Erkrankungen, Krebs, chronische Pankreatitis.

Abbildung 5 zeigt beispielhaft den Zusammenhang zwischen Alkohol und Krebsrisiko. In der Mehrzahl der auftretenden Krebserkrankungen ist ein erhöhter täglicher Alkoholkonsum festzustellen. Der durchschnittliche Alkoholkonsum bei Tumorpatienten ist im Vergleich zu anderen Patienten doppelt so hoch.

Abbildung 5: Alkohol- und Krebsrisiko

Erhöhter täglicher Alkoholkonsum besonders in Form von Schnaps bei:
• 78 % der Patienten mit Mundhöhlenkarzinom
• 93 % der Patienten mit Rachenkrebs
• 85 % der Patienten mit Kehlkopfkrebs
Doppelter Durchschnittskonsum bei Tumorpatienten generell

Quelle: Küpper, C.: Alkoholkonsum und gesundheitliche Folgen. Ernährungs-Umschau 43, 88 – 93, 1996

Die Prävalenz von alkoholbedingten Erkrankungen beträgt auf internistischen und chirurgischen Stationen bis zu 20 % bzw. 25 %, auf psychiatrischen Akutstationen bis zu 40 %, manchmal sogar 50 %. Bei der Hälfte aller Selbstmorde ist Alkohol im Spiel.

75 % aller Häftlinge in bundesdeutschen Gefängnissen standen zur Tatzeit unter Alkoholeinfluss.

In einem Betrieb mit 1.000 Mitarbeitern entstehen jährlich alkoholbedingte Folgekosten von 1 Million DM, also 1.000 DM/Mitarbeiter (Abb. 6).

Abbildung 6: Jährliche Kosten für Unternehmen

 

Einem Betrieb mit
1.000 Mitarbeitern entstehen jährliche Kosten in Höhe von rund
1 Mio. DM, also
1.000,- DM pro Mitarbeiter

Quelle: Sozialministerium Baden-Württemberg, Arbeitsmappe Gesundheit im Betrieb, 1994

Ein alkoholkranker Mitarbeiter verursachte nach Angaben des Sozialministeriums Baden-Württemberg 1994 jährliche Kosten von 15.000,00 DM durch Fehlzeiten, 6.800,00 DM durch medizinische Behandlungen. Die Kosten für die Fehlzeiten liegen also deutlich über den Kosten durch die Behandlung (Abb. 7).

Abbildung 7: Behandlungskosten

 

Die Kosten für die Behandlung liegen deutlich unter den Kosten durch Minderleistungen im Betrieb.
Jährliche Kosten:
15.000,00 DM
6.800,00 DM
21.800,00 DM
Fehlzeiten
medizinische Behandlung
direkte Kosten

Quelle: Sozialministerium Baden-Württemberg, Arbeitsmappe Gesundheit im Betrieb, 1994

Ein jährlicher Pro-Kopf-Verbrauch von 11,2 Litern Reinalkohol ergibt einen täglichen Gebrauch der Gesamtbevölkerung von 30,7 g, bei der Bevölkerung ab 15 Jahren von 36,7 g, bei Männern ab 15 Jahren von 54,5 g Reinalkohol täglich. Im Vergleich dazu werden die risikoarmen Trinkmengen für Männer und Frauen bezogen auf eine Woche gezeigt (Abb. 8). Für Männer liegt der Konsum von reinem Alkohol bei weniger als 150 g pro Woche, für Frauen bei weniger als 100 g, bei 3 bis 4 alkoholfreien Tage die Woche. Die deutsche Bevölkerung liegt also mit ihrem Alkoholverbrauch statistisch im gesundheitsgefährdeten Bereich.

Abbildung 8: Umrechnung des jährlichen Pro-Kopf-Verbrauchs an Reinalkohol von 11,2 Litern

 

Gesamtbevölkerung
30,7 g tgl.
= 211 g/Woche
Bevölkerung ab 15 Jahren
36,7 g tgl.
= 256 g/Woche
Männer ab 15 Jahren
54,5 g tgl.
= 381 g/Woche
risikoarmer Konsum Mann
< 150 g/Woche
risikoarmer Konsum Frau
< 100 g/Woche
risikoarme Häufigkeit
3 – 4 alkoholfreie Tage/Woche

Quelle: Hüllinghorst, R.: Alkohol – Zahlen und Fakten zum Konsum. In: Jahrbuch Sucht 97, 9 – 18, Neuland 1996; Kielstein, V.: Alkoholismus – Folgen, Schäden, Lösungswege, Tribüne 1990

Zur Illustration gefährlicher Alkoholmengen wurden einige graphische Darstellungen (Abb. 9 – 11) aus dem neuesten Buch von Edwards „Alkoholpolitik und Volksgesundheit“ zusammengestellt. Dieses Buch wird zur Zeit übersetzt und wird hoffentlich in Deutschland einen Einstellungswandel gegenüber bestimmten Trinkmengen und vielleicht auch gegenüber der Alkoholpolitik bewirken.
Der Zusammenhang zwischen täglichem Alkoholgebrauch und allgemeiner Übersterblichkeit bei Männern stellt sich wie folgt dar (Abb. 9). Schon ab einer Menge von 50 g steigt das Risiko steil an. Diese Menge ist schnell erreicht. Bereits 3 halbe Liter Bier oder 0,7 Liter Wein enthalten 60 g Reinalkohol.

Zusammenhang zwischenallgemeiner Übersterblichkeit bei Männern und Alkoholkonsum

 

Die Kosten für die Behandlung liegen deutlich unter den Kosten durch Minderleistungen im Betrieb.
Zusammenhang zwischen Alkoholkonsum, hohem Blutdruck und Schlaganfall mit Todesfolge

Abbildung 10 stellt den Zusammenhang zwischen Alkoholkonsum, hohem Blutdruck und Schlaganfall mit Todesfolge dar. Der tägliche Konsum von 30 bis 40 g Reinalkohol erhöht das Schlaganfallrisiko bereits erheblich.

In Abb. 11 wird der „Stereoeffekt“ durch gleichzeitige Alkohol- und Zigaretteneinwirkung in bezug auf Kehlkopfkrebs deutlich.

Abbildung 11:
Zusammenhang zwischen Kehlkopfkrebserkrankungen in Abhängigkeit vom täglichen Alkohol- und Zigarettenkonsum

2. Alkoholmissbrauch
Man rechnet in Deutschland mit 2,5 Millionen Alkoholkranken. Die Zahl der Missbräuchler dürfte bei mehr als dem Doppelten liegen. In einer Untersuchung von Hausarztpatienten mit dem AUDIT wurden Anfang der 90iger Jahre 20 % Missbräuchler gefunden, bei den Männern im arbeitsfähigen Alter waren es etwa 40 %.
Missbrauch verursacht psychische, körperliche und soziale Schäden, ohne dass bereits eine Abhängigkeit eingetreten ist.
Prinzipiell kann ein Missbräuchler durch geeignete Untersuchungen (Trinkmengenerhebung, körperliche Untersuchung, Labor) identifiziert und durch einfache, wenig zeitaufwendige lnterventionsstrategien zum ungefährlichen Alkoholgebrauch zurückgeführt werden. Früherkennung und Frühbehandlung sind die strategischen Schlüsselwörter.
Die Untersuchungs- und lnterventionsstrategien sind international vorhanden. In Deutschland sind sie nur wenig bekannt. In der medizinischen Grundversorgung könnten diese Dinge leicht etabliert werden.
In Schweden wurden innerhalb der bekannten Malmö-Studie Missbräuchler identifiziert und ein Jahr lang über 4-wöchige Kontrolltermine einschließlich Labor geführt.

Abbildung 12: Cause and time of death within five year’s of following-up in the intervention and the total control group

 

Case no.
Cause of death
Time between screening
and death(months)***
Intervention group (n=261)
1 Myocardial infarction
12
2* Alcohol and barbiturate intoxication
12
3 Livercancer
22
4* Chronic alcoholism 47
5 Pancreascancer 53
Total control group (n= 269)
1 Bronchopneumonia
8
2 Myocardial infarction
8
3 Myocardial fibrosis
9
4** Liver cirrhosis, chronic alcoholism
12
5** Liver cirrhosis, bronchopneumonia
21
6** Coronary sclerosis, chronic alcoholism
21
7 Myocardial infarction
25
8 Suicide (car exhaust)
39
9 Cerebral hemorrhage, myelofibrosis
43
10** Myokardial arythmia, chronic alcoholism
61
* Case nos. 2 and 4 in the Intervention group were primary dropouts, and the deatns were probably alcohol-related deaths.
** In the control group case nos. 4, 5, 6 and 10 were probably alcohol- related deaths.
*** Median time between screening and death was 21 – 22 months in both groups.

Quelle: Petersson et al., Malmö Studie

Hier zwei Ergebnisse:
Die Anzahl der Verstorbenen nach 2 Jahren war in der Interventionsgruppe nur halb so groß wie in der Gruppe der unbehandelten Alkoholmißbräuchler (Abb. 12).
Die Anzahl der Krankenhaustage lagen nach 4-5 Jahren in einer Interventionsgruppe bei 800, in der unbehandelten Gruppe bei 2.400 (Abb. 13).

Total hospital days in males born 1927 – 1931 during 5 years after screening. The days for ICD categories mental disorders gastrointestinal diseases, and accidents injuries are given. The hospitals days in alcohol-related diseases i.e., alcoholism, alcoholpsychosis, liver cirrhosis and pancreatitis are also given. Quelle:
Kristensen et al., Malmö Studie

3. Behandlung der Alkoholabhängigkeit
Nach Schätzungen der DHS gibt es in Deutschland 2.500.000 Alkoholkranke, 1.400.000 Medikamentenabhängige und 120.000 Drogenabhängige, das sind insgesamt 4.020.000 Abhängige (Abb. 14).

Abbildung 14: Zahl der Abhängigen

2.500.000
1.400.000
120.000


4.020.000

Alkoholkranke
Medikamentenabhängige
Drogenabhängige


Abhängige

Quelle: Hüllinghorst, R.: Versorgung Suchtkranker in Deutschland. In: Jahrbuch Sucht 97, 128 – 142, Neuland 1996

Man sagt, wir hätten ein gut funktionierendes Suchthilfesystem. Wenn man genauer hinsieht, stimmt diese Aussage nicht. Von den ca. 4 Millionen Suchtkranken erhielten 1995 63.000 eine medizinische Rehabilitation bewilligt, das sind 1,6 % (Abb. 15).

Abbildung 15: Jährliche Versorgung von 4 Millionen Suchtkranken

 

1,6 % Bewilligung stationärer Rehabilitation*
5,3 % stationäre Entgiftung *
3,0 % Selbsthilfegruppen *


3 % Kontakt zu Beratungsstellen
70 % Kontakt zu niedergelassenen Ärzten

Quelle: Wienberg, Die vergessene Mehrheit, Psychiatrie, Neuburg, 1992
*eigene Berechnungen nach Zahlen in Quelle Abb. 14

Nach Angaben des Fachverbandes Sucht haben 50 % der Rehabilitierten eine Suchtkarriere von mehr als 10 Jahren hinter sich. 1993 wurde bei 211.662 suchtkranken Patienten eine stationäre Entgiftung durchgeführt, das sind 5,3 % der Gesamtzahl der Suchtkranken (s. Abb. 14). 120.000 besuchen jährlich Selbsthilfegruppen, das sind 3 %. Das bedeutet, dass etwa 90 % der Suchtkranken im laufenden Jahr ohne eine spezifische Behandlung bleiben und medizinische und betriebliche Kosten verursachen. Eine Lebertransplantation kostet z.B. mit Nachbehandlung um 200.000 DM. Wer im Alter von 40 Jahren Alkoholinvalide wird, kostet die Allgemeinheit trotz verkürzter Lebenserwartung 350 bis 450.000 DM.
Die Beratungsstellen sollen das Rückgrat der Versorgung Suchtkranker in Deutschland sein. Wir wissen seit Wienbergs Buch „Die vergessene Mehrheit“, dass höchstens 6 % der Suchtkranken Kontakt zu Beratungsstellen haben.
70 % sollen Verbindung zu niedergelassenen Ärzten haben. Die suchtspezifische Ausbildung niedergelassener Ärzte ist in der Regel unzureichend. Es fehlen Kenntnisse in den Bereichen der Missbrauchsbehandlung, der Differenzierung Missbrauch-Abhängigkeit und der ambulanten Entgiftung. Die Orientierung im Suchthilfesystem wäre zu verbessern, auch die Kooperation mit ihm.

4. Ambulante Entgiftung
Meine eigenen Erfahrungen mit Alkohol- und Medikamentenabhängigen zeigen, dass unter Einhaltung von Behandlungsregeln, Berücksichtigung von Kontraindikationen und mit geeigneter medikamentöser Unterstützung 50 % der Betroffenen ambulant entgiftet werden können (Abb. 16). In Deutschland wird in der Regel die Entgiftung mit einer stationären Behandlung gleich gesetzt, obwohl international die ambulante Entgiftung zur Standardbehandlung gehört. Die Folgen unserer Einstellung sind überfüllte Stationen, Wartezeiten und hohe Kosten. Eine 14-tägige ambulante Entgiftung kostet in der niedergelassenen Praxis etwa 270,00 DM, die stationären Kosten liegen etwa bei 6.300,00 DM. 50 % der 211.662 1993 stationär entgifteten Suchtkranken könnten ambulant entgiftet werden, mit einem Kostenvorteil von 635 Millionen DM (Abb. 17).

Abbildung 16: Behandlung des akuten und protrahierten Entzugssyndroms unter ambulant/tagesklinischen Bedingungen

Abbildung fehlt

Abbildung 17: Kosten für Entgiftungsbehandlung

 

14 Tage ambulant   270,00 DM
14 Tage stationär
(Pflegesatz 450,00 DM)
6.300,00 DM
50 % weniger stationäre Entgiftung bezogen auf 211.662 Entgiftungsfälle 1993*  

Einsparung
635 Millionen DM

Quelle: Eigene Berechnungen, *Angabe in Jahrbuch Sucht 97 (s. Abb. 14)

 

5. Rehabilitation
Verfolgt man die Diskussion über die Kürzung an den Rehabilitationsleistungen auch bei Suchtkranken – 30 % sind im Gespräch – wird auf Seiten der Leistungserbringer auf den geringen Anteil der jährlich Rehabilitierten von 1,6 % verwiesen. Es erscheint unter dem Gesichtspunkt Rehabilitation vor Rente logisch, den jährlichen Rehabilitationsanteil auf 3 oder 4 % zu erhöhen. Das wird angesichts der knappen Kassen und der hohen Kosten – 4 Monate stationäre Rehabilitation = 30.000 DM – nicht möglich sein. Die stationäre Rehabilitation kann schon wegen der geringen Zahl der Erfassten keine ausreichende Antwort auf das Gesamtproblem sein. Hinzu kommen Gemeindeferne und lange Wartezeiten. Die ambulante Rehabilitation fällt zahlenmäßig nicht wesentlich ins Gewicht (5.524 Fälle 1995 = 0,15 % der Suchtkranken).
Es ist auch zu fragen, wie lange es dauert, bis eine alkoholkranke Frau mit kleinen Kindern, ein Gewerbetreibender, ein Mensch mit unsicherem Arbeitsplatz und viele Menschen in durchschnittlichen Lebensumständen bereit sind, eine mehrere Monate dauernde stationäre Rehabilitation zu beginnen.

6. Gemeindenahe Kurzzeittherapie
Eine gemeindenahe Kurzzeittherapie kann die breite Lücke zwischen ambulanter oder stationärer Entgiftung und stationärer Rehabilitation füllen. Der Schwerpunkt der Behandlung der Alkoholabhängigkeit sollte m. E. auf kurzzeitigen (5 bis 6-wöchigen), schnell erreichbaren, teilstationären und stationären gemeindenahen Angeboten mit integrierter Nachsorge liegen. Diese Behandlung erreicht einen wesentlich größeren Anteil der Suchtkranken als das traditionelle System. Dreiviertel der so erfassten Suchtkranken werden in der Lage sein, mit Hilfe von Selbsthilfegruppen, professioneller Nachsorge, Hausarzt, ambulanter Psychotherapie oder ambulanter Rehabilitation erfolgreich zu sein. Ein Teil der gemeindenah behandelten Suchtkranken kann und sollte für eine langfristige stationäre Rehabilitation motiviert werden.
Wahrscheinlich kann man langfristig mit den jetzigen Rehabilitationsangeboten auskommen, wenn im Vorfeld gemeindenahe tagesklinische und stationäre Einrichtungen, z. B. unter der Überschrift „Qualifizierte Entgiftungs- und Motivationsbehandlung“, geeignete Patienten ausfiltern und behandeln würden. Es könnte ein wesentlich höherer Versorgungsgrad bei relativ geringen Kosten erreicht werden.

In einem ambulant/tagesklinischen Setting wurde berechnet, dass 85 % der Kosten für die 5 bis 6-wöchige tagesklinische Behandlung durch Ersparnisse infolge ambulanter Entgiftung bereitgestellt werden können (Abb. 18).

Abbildung 18: Wirtschaftliche Vorteile ambulanter/tagesklinischer Behandlung

 

360
tagesklinische Behandlungen (5 bis 6 Wochen)
1.384.939,00 DM
187
durch ambulante Entgiftung eingesparte stationäre Behandlungskosten
./. 1.178.100,00 DM
50%
Therapieerfolg
(ungebesserter Alkoholkranker jährlich 6.800 DM medizin. Kosten)
./. 1.224.000,00 DM
360
tagesklinische Behandlungen (5 bis 6 Wochen)
1.384.939,00 DM
187
durch ambulante Entgiftung eingesparte stationäre Behandlungskosten
./. 1.178.100,00 DM
50%
Therapieerfolg
(ungebesserter Alkoholkranker jährlich 6.800 DM medizin. Kosten)
./. 1.224.000,00 DM
Gesamtersparnis 360 Patienten
1.017.166,00 DM

Quelle: eigene Berechnung

Bei Berücksichtigung eines Therapieerfolges (= 1 Jahresremission) von 50 %, tatsächlich liegt er bei 65 bis 70 %, sparen die belegenden Krankenkassen nach Abzug aller Kosten etwa 1 Million DM im Jahr. Nach dieser Berechnung können es sich die Krankenkassen überhaupt nicht mehr leisten, solche Art von Behandlung nicht zu belegen.

7. Welche Schlussfolgerungen lassen die referierten Zahlen und Fakten zu?
1. Zur Begrenzung der erheblichen Alkoholprobleme ist eine Reduzierung des Pro-Kopf-Verbrauchs der Bevölkerung erforderlich. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt deshalb in ihrem Programm „‚Gesundheit für alle bis zum Jahr 2000“ ihren Mitgliedsländern, den Pro-Kopf-Verbrauch um 25 % zu senken. Strategien dazu liefert der Europäische Aktionsplan Alkohol von 1995.
2. Früherkennung und Frühbehandlung des Alkoholmissbrauchs müssen in der medizinischen Grundbetreuung etabliert und entsprechend vergütet werden. Mit geringen ambulanten Ausgaben können im stationären Bereich erhebliche Mittel eingespart werden (s. Malmö-Studie).
3. Die Ausbildung und Fortbildung der Ärzte im Suchtbereich muss verbessert werden. Denkbar sind dabei eine Basisausbildung der Ärzte der Grundversorgung und eine mehrjährige suchtspezifische Spezialisierung.
4. Die Entgiftungsbehandlung kann bei etwa 50 % der Alkoholkranken ambulant durchgeführt werden. Das bedeutet eine erhebliche Einsparung an stationären Kosten und Kapazitäten. Niedergelassene Allgemeinärzte und Nervenärzte/Psychiater sollten mehr für die Mitwirkung in einer integrierten Suchttherapie gewonnen werden.
5. Eine schnell erreichbare und gemeindenahe tagesklinische oder stationäre Kurzbehandlung von 5 bis 6 Wochen kann einen größeren Teil der Suchtkranken erreichen, die unbehandelt eine Verschlechterung des Gesundheitszustandes erleiden müssten und erhebliche Kosten verursachen. Die Behandlung sollte regelhaft mit Selbsthilfegruppen und aber auch mit professionell geleiteten Nachsorgegruppen kombiniert werden. Die Kosten für diese Behandlung können vor allem aus Einsparungen in den Bereichen stationäre Entgiftung und stationäre Behandlung von Folgeerkrankungen getragen werden.
6. Die längerfristige stationäre Entwöhnungsbehandlung sollte sich zunehmend auf die Patienten spezialisieren, die im ambulanten, tagesklinischen oder kurzfristig stationären Setting keinen Erfolg haben.