Dr. Kielstein GmbH
Abhängigkeitserkrankungen und psychosomatische Störungen 

Aktuelle Fakten Dezember 2011

Dr. Volker Kielstein

Im Versorgungsbereich des MVZ an der Tagesklinik (TK) an der Sternbrücke in Magdeburg wurden 2010 1.222 verschiedene Suchtpatienten behandelt.

Die Zahl der Alkoholabhängigen hat sich mit knapp 800 auf einem hohen Niveau stabilisiert. Die Zahl von Drogenabhängigen nahm in den letzten 10 Jahren soweit zu, dass 2010 auf 10 Alkoholabhängige 4,5 Drogenabhängige kamen. Besonders auffällig sind die häufige Kombination von Drogen- und Alkoholabhängigkeit, die starke Zunahme der Polytoxikomanen (Cannabis, Aufputschmittel, Kokain), und eine Verdoppelung der „Spielsüchtigen“ von 2088 zu 2010.

Bundesweit wird die geringe Inanspruchnahme suchtspezifischer Hilfen thematisiert (Rumpf et al. Sucht 1/2000):

– 60% aller Alkoholkranken haben lebenslang keinen Kontakt zu suchtspezifischen Hilfen,

– 14% geringfügige Kontakte,

– 27% nehmen weiterführende Hilfen in Anspruch.

Nach Erhebungen des Robert-Koch-Institutes („Kosten alkoholassoziierter Krankheiten“ 2002) verursachen Alkoholabhängige jährlich u.a. mehr als zehnmal so viele Kosten durch ambulante und stationäre Akutbehandlung (ca. 3.500 Millionen Euro), als durch stationäre und ambulante Rehabilitation (ca. 320 Millionen Euro).

Die versorgungspolitische Konsequenz der bundesweiten Erhebungen besteht darin, die Inanspruchnahme suchtspezifischer Hilfen zu verbessern und die hohen Kosten der durch ambulanten und teilstationären Akutbehandlung zielgerichtet und effektiv einzusetzen.

Die AOK und das MVZ / die TK an der Sternbrücke arbeiten in diesem Sinne seit mehr als 15 Jahren erfolgreich zusammen.

Ziel war es, die Suchtkranken durch niedrigschwellige Angebote frühzeitig, möglichst noch vor Erreichen des Zustandes von gefährdeter oder verminderter Erwerbsfähigkeit, in einen therapeutischen Prozess einzubinden.

Im MVZ / der Tagesklinik an der Sternbrücke wurden dafür folgende Strategien entwickelt:

  1. „Soforttermine“, d.h. Aufnahme neuer Patienten am Tag der Anmeldung oder maximal 3 Tage später.
  2. „Ambulante Entgiftung“: Die Technik (Regeln, Indikation, Kontraindikation) wurde durch Dr. Kielstein bereits in den 80iger Jahren entwickelt und hat Eingang in die AWMF-Leitlinie „Akutbehandlung alkoholbezogener Störungen“ von 2003 gefunden. 80% der Alkoholabhängigen und 70% der Cannabisabhängigen und Polytoxikomanie sind dafür geeignet.
  3. Tagesklinische Suchtbehandlung i.S. von „Qualifizierter Entzugsbehandlung“: (Kielstein, V. (1997) Nervenheilkunde 16: 390-395): Behandlung von Suchtkrankheit, der komorbiden psychischen und körperlichen Erkrankungen, Einflussnahme auf die Situation im sozialen Umfeld, Motivierung für weiterführende therapeutische Maßnahmen.
  4. Weiterbehandlung der tagesklinischen Patienten in Form von ambulanter Gruppentherapie über ein Jahr und länger. Bei katamnestischen Untersuchungen (s. 3.) konnte in signifikanter Zusammenhang zwischen Dauer der ambulanten Gruppentherapie („Nachsorge“) und dem Therapieergebnis festgestellt werden.
  5. Einbeziehung der Angehörigen in die Therapie z.B. im Aufnahmegespräch, bei Kriseninterventionen, Angebot einer Therapiegruppe für Angehörige.
  6. Zusammenarbeit mit betrieben und Institutionen im Rahmen betrieblicher Gesundheitsförderung.
  7. Konsiliardienst in Magdeburger Krankenhäusern, um Patienten für weiterführende Therapien zu gewinnen.
  8. Teilnahme am sog. „Nahtlosverfahren“: bei erkennbarer Rehabilitationsbedürftigkeit hat das MVZ / die Tagesklinik an der Sternbrücke die Möglichkeit, Patienten im Nahtlosverfahren in Rehabilitationseinrichtungen zu verlegen.
  9. Die Kombination von ambulanten suchtmedizinisch / psychiatrischen und tagesklinischen Maßnahmen, hat sich besonders hilfreich erwiesen bei der Behandlung von Drogenabhängigen mit drogeninduzierten Psychosen: Antipsychotische medikamentöse psychiatrische Therapie wird unterstützt durch Abstinenz erhaltende tagesklinische oder langfristig ambulante Gruppentherapie; gleichzeitig Unterstützung der Angehörigen, die oft einen Zustand der Rat- und Hilflosigkeit erreicht haben.

Neben der Behandlung von „stoffgebundenen“ Süchten hat sich das MVZ / die Tagesklinik an der Sternbrücke auf die Behandlung „nichtstoffgebundener“ Süchte, wie Spielsucht (Automatenspieler, Spielsucht, Online-Spiele, z.B. World of Warcraft, Onlinepoker) und Essstörungen (Anorexie, Bulimie, Binge Eating) eingestellt. Diese Suchtformen haben weitgehende Gemeinsamkeiten mit den „stoffgebunden“ Süchten und können nach den gleichen Grundprinzipien in gemeinsamen Gruppen behandelt werden.